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      Freeride Express - Adrenalin statt Co2

       

      Der Glacier Express von Zermatt nach St. Moritz verbindet einige der besten Trails der Alpen. René Wildhaber, Ross Schnell und Katja Rupf testen seine Tauglichkeit als Freeride Express.

      René Wildhaber, der Mann der vielen DH-Marathonsiege und der noch zahlreicheren Ideen, hat mal wieder ein Projekt ausgeheckt: Freeriden auf Schweizer Weltklasse-Trails in spektakulärer Umgebung und das Ganze Co₂-neutral. Das bedeutet Anreise und Transfers mit der Bahn. Und welche Bahn eignete sich dafür besser als der legendäre Glacier Express? Seit über 80 Jahren rollt er von Zermatt über Furka, Oberalp und durch den Albulapass nach St. Moritz.

      Los geht´s mit dem Glacier Express in Zermatt. (c)Christophe Margot/Red Bull Photofiles)

      Man trifft sich in Choëx, tiefstes Unterwallis, im Haus von Fotograf Christophe Margot, der den Trip dokumentieren wird. Mit von der Partie ist Ross Schnell, Allzweckbikeprofi aus Colorado (USA), seines Zeichens All-Mountain-Worldchampion (ja, das gibt's, check out: downievilleclassic.com) und verziert mit der Tätowierung des Singlespeedweltmeisters. Ebenfalls zum Begleittross gehören Fabian Näf und Brian Gottschalk von Ionate Films (die Macher von Virtuous), die die Fahrt ins Raue in ihr neues Werk integrieren. Man spricht Französisch, Englisch und Schweizerdeutsch. Man isst, trinkt, plant und geht schlafen.

      Lächeln in Zermatt

      Die erste Basis ist Zermatt, der erste Trail beginnt auf dem Gornergrat. Das Panorama mit dem Matterhorn, all den weiteren Viertausendern, Gornergletscher und Riffelsee haut einen fast vom Bike. Das trifft sich gut, denn tagsüber gehört das Gebiet Wanderern und japanischen Touristen, die ihre Kameras zum Glühen bringen. «Am besten geht man am Morgen mit der ersten Bahn hoch, macht dann eine ausgedehnte Tour und fährt kurz nach dem Sonnenuntergang wieder nach Zermatt runter», empfiehlt René Wildhaber. Wie gut, dass bereits Abend ist. Besagter Run beginnt als hochalpiner Wanderweg mit vielen groben Steinen. Mit abnehmender Höhe gewinnt der Run an Flow und René wie auch Ross gewinnen an Speed. Es geht am Riffelsee vorbei nach Riffelberg und dann durch einen Lärchenwald nach Zermatt. Die perfekt gepflegten Wanderwege bieten federnden Fahrspass vom Feinsten. So ganz legal dürfte das Vergnügen allerdings nicht sein. Darum gilt auch hier: Morgenstund oder Abenddämmerung wählen und immer schön langsam und lächelnd an den Fussgängern vorbeirollen. Eine Disziplin, die die beiden Rennfahrer fast so gut beherrschen wie mit Vollgas durchs Gelände zu bügeln.

      Der Ausstieg von der Bahn begeistert sofort mit Panorama und hochalpinen Trails. (c)Christophe Margot/Red Bull Photofiles

      Der zweite Tag wird einer für grosse Jungs: Martin Rickenmann kommt mit seinem Modellheli vorbei, an dem eine Kamera befestigt wird, um René und Ross zu filmen. Die nächsten Stunden schwirrt der im Tiefflug um die Rider, während sie über die Trails am Gornergrat schiessen. René erzählt, wie er einmal an einer Megavalanche von einem tieffliegenden Heli umgeblasen wurde. Obwohl die Miniatur bis auf wenige Meter an die Fahrer rangeht, bleiben sie sicher im Sattel. Umwerfend werden nur die Aufnahmen. Die Japaner sind vom Minichopper so fasziniert, dass sie fast vergessen, das Matterhorn zu filmen. Aber nur fast.

      Zmutt, Furi und Blatten sind sozusagen die Oldschool-Agglomeration von Zermatt. Zwischen den alten Walliser Chalets macht das Spielen besonderen Spass. Leider werden in der Seilbahn nach Furi keine Fahrräder transportiert. Die Kameraleute sind aber ohnehin Co₂-positiv unterwegs und so sparen René und Ross ihre Kräfte für die vielen Abfahrten, die noch folgen, und lassen sich chauffieren. Die Downhill-strecke Sunnegga wäre ebenfalls eine Reise wert, aber dafür reicht die Zeit nicht mehr, denn der erste Zug ruft.

      Alpenfalten voll Adrenalin

      Nächste Station ist der Oberalp. Der Passübergang von Uri nach Graubünden, Mittelpunkt eines fantastischen Bikegebiets, zeigt sich von seiner ungemütlichen Seite, sodass die sonnenverwöhnten Freerider freinehmen und es bei einem Mittagessen bewenden lassen. Ein paar Hundert Trails links und rechts liegen lassend, reist der Tross weiter nach Flims. Da reckt der Bahnpurist nun natürlich protestierend seinen Zeigefinger, denn der Glacier Express fährt dem Vorderrhein entlang nach Chur. Flims hat keinen Eisenbahnanschluss, dafür Hammertrails en masse. René würde die 500 Höhenmeter am liebsten hochpedalen, möglicherweise weil er glaubt, so schneller bei seiner Liebsten, Katja Rupf, zu sein, die ihn oben erwartet. Ross mag seine erwiesen wattstarken Waden heute nicht mehr belasten, also bleibt auch René im Bus.

      Biken auf dem Mond - oder auf den höchsten Passübergangen der Alpen. (c)Christophe Margot/Red Bull Photofiles

      Unter Schneefreeridern geniesst der Cassonsgrat ob Flims Legendenstatus. Doch auch im Sommer ist er eine Spielwiese, auf der besonders adrenalinhaltige Pflanzen wachsen. Nach dem Einrollen auf 2600 Meter über Meer erklärt René anhand der Glarner Hauptüberschiebung in Sardona, wie die Alpen aufgefaltet wurden. Ross staunt und René meint nur: «Das interessiert mich halt.» Dankbar für das Meisterwerk der Tektonik nehmen die beiden Jungs im Staub von Katja die Cassonser Alpenfalte in Angriff. Die ersten Kilometer bieten feinen Kies, dann einige Slick Rocks für Manuals und Nose Wheelies. Die folgenden Felsbrocken und Absätze wecken die Freerider aus ihren Träumen: Die Temperatur der Bremsen und Arme steigt. Dann geht es in den Wald, wo der berühmte Runca Trail zu Hause ist. Runca heisst Wurzel, womit sich der geneigte Leser vorstellen kann, was dessen ruppigen Charme ausmacht. Hinzu kommen rund 400 Meter Northshore Trails, welche für den Red Bull Trailfox in den Wald gezimmert wurden.

      Nach zig Kilometern Abfahrt wollen Katja, Ross und René ihre Bikes nicht mit unnötigen Bremsmanövern belasten und rollen deshalb von Flims gleich weiter in die Rheinschlucht hinunter. Wo jubelnde Riverrafter durch die Stromschnellen gespült werden, lassen die drei Biker ausrollen. Am Bahnhof Versam könnten sie den Glacier Express Richtung Engadin nehmen. Sie aber zieht es zurück nach Flims ins Freerider-freundliche Hotel Arena. Die nächste Unterkunft wird weniger mondän.

      Wieder einmal hieven René, Ross und Katja unter den gestrengen Augen der Bahnangestellten ihre Bikes in den Glacier Express und holen sie gleich wieder raus. Zwar haben alle normalen Züge, welche die einzelnen Abschnitte der Glacier- Express-Linie befahren, Fahrradabteile, nicht aber der edle Panoramazug. Seinen Ruf als Freeride Express muss er sich noch verdienen. Je mehr Biker Renés Beispiel folgen, desto schneller dürfte das gehen.

      Bernina massiv!

      Unsere Radschaft ist in der Zwischenzeit in Pontresina gelandet. Der Glacier Express erreicht ein paar Kilometer weiter in St. Moritz seinen Bestimmungsort. Die drei Biker wechseln stattdessen die Linie und lassen sich vom Bernina Express zum Morteratschgetscher chauffieren. Wie alle Eismassive in den Alpen lässt sich auch an ihm leicht ablesen, wie weit fortgeschritten die Klimaerwärmung ist. In den letzten hundert Jahren verlor er über 2000 Meter – fast ein Viertel seiner ehemaligen Länge.

      Auf dem, was vom Morteratschgletscher übrig ist, steigen René und Ross in den Bikeschuhen auf, vorbei an mit Steigeisen bewehrten Alpinisten. «Mit den Spikes haben wir genauso viel Halt wie die», findet der Flumserberger und der Mann aus der Wüste Colorados glaubt ihm das. Drops über Gletscherspalten überlässt er dann aber doch dem Schweizer. «Das Eindrücklichste ist der Halt, den man mit den Spikes auf dem Eis hat», freut sich René. «Es rutscht nicht einen Millimeter.» Als er einmal von 80 km/h hart runterbremst, glüht die Bremsscheibe rot und ist danach nicht mehr zu gebrauchen.

      Mit 80 km/h den Gletscher runter - glücklich ist, wer Spikes eingepackt hat. (c)Christophe Margot/Red Bull Photofiles)

      Und wieder ruft der Zug. Die Zeit reicht genau, um eine neue Bremsscheibe zu montieren, dann geht‘s auf den Berninapass. Den Trail am Lago Bianco kann man mit etwas gutem Willen als natürlichen Pump Track bezeichnen. Katja, Ross und René liefern sich darauf ein Wettrennen mit der Bahn, dem roten Logo ihrer Tour. Höhentraining für Freerider auf 2300 Meter über Meer. Die Senioren im Zug wundern sich und verlieren glatt das Panorama mit dem Piz Bernina und dem Piz Palü aus den Augen.

      Schmugglertrail ins Puschlav

      Dann ist genug gepumpt. Es warten mehrere Kilometer Schmugglerpfad ins 1200 Meter tiefer gelegene Puschlav. Der Bernina Express windet sich Kehrtunnel für Kehrtunnel in die Tiefe. In diesem Gelände geht das Rennen eindeutig zugunsten der Biker aus. In Poschiavo lernt der Amerikaner die vierte Schweizer Sprachregion innert vier Tagen kennen. Nach Französisch und Deutsch im Wallis, Rätoromanisch in Flims parliert man hier Italienisch, gerne im lokalen Dialekt Poschiavin. Nun wäre es eigentlich vorgeschrieben, einen Teller Puschlaver Capunet (Spinatspätzli) oder Pizzoccheri (Buchweizennudeln) zu verdrücken. Doch da bimmelt schon wieder die Bahnhofsglocke. Per Express werden Biker zurück nach Pontresina spediert. Dort heissen Pizzoccheri Pizokel und sehen aus wie Capunet, während die Capuns auf dieser Speisekarte etwas völlig anderes sind. Auf den langen Märschen zwischen dem Engadin und dem Puschlav ist wohl das eine oder andere durcheinander geraten. Eine Gemengelage der anderen Art beschert die Nacht im Sechserschlag der Jugendherberge.

      Wohl schon die alten Schmuggler hatten ein Gespür für Panorama, Weitblick und flowige Trails. (c)Christophe Margot/Red Bull Photofiles)

      So sind am nächsten Morgen alle glücklich, den nächsten und letzten Berg des Trips in Angriff zu nehmen: den Albulapass. Glacier und Bernina Express fahren hier auf der gleichen Linie. Die Dörfer Bergün und Preda liegen Luftlinie nur sechs Kilometer auseinander, Preda liegt aber 417 Meter höher. Die Bahn schafft den Höhenunterschied dank fünf Kehrtunnels und vier Brücken über das Tal. Nichteingeweihte wie unsere drei Freerider können nur raten, wo der Zug wieder auftaucht, wenn er irgendwo im Berg verschwunden ist. Zum Glück sind da ein paar Eisenbahnfreaks aus Japan, die ihre Kameras installiert haben. Die erklären den Schweizern und dem Amerikaner, wie das läuft im Albulatal. Dank ihrer besseren Revierkenntnis sichern sie sich natürlich auch die besten Kamerapositionen. Wenigstens auf den Single Trails haben Katja, René und Ross freie Bahn, während ihnen die Bahn über den Kopf donnert und im nächsten Moment den Boden unter den Rädern zum Vibrieren bringt. Bei einer Bergüner Nusstorte verarbeiten die drei das verwirrende Bahnerlebnis.

      Die letzte Station hat nichts mehr mit Freeride, aber viel mit René Wildhaber zu tun. Sein Bruder Ruedi bewirtschaftet in Flumserberg die Alp, auf der Klein René die Sommer seiner Kindheit und Jugend verbracht hat. Bei kiloweise Alpkäse und Feuerwasser aus einer Flasche, auf der handgeschrieben und durchaus korrekt «Schnaps stark» steht, diskutieren sie sich nochmals durch die letzten Tage – vom Japanerslalom auf dem Gornergrat zum Endlostrail vom Cassonsgrat in die Rheinschlucht, von den Gletscherspalten zu den Fahrplanjagden, glühenden Biketeilen und Alpengipfeln. Und natürlich zu dem Bindeglied des Trips: dem roten Zug, der sich seinen Ruf als Freeride Express noch verdienen muss.

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